“Die ganze Welt am Campus?”

Kulturelle Diversität und Religion an den Hochschulen

In den zurückliegenden fünfzehn Jahren haben die Hochschulen in Deutschland eine im internationalen Vergleich einmalige Ausweitung der Zahl internationaler Studierender erlebt. Unter dem Schlagwort Diversität wendet sich die fachliche und politische Diskussion nun verstärkt den qualitativen Aspekten der Internationalisierung zu. Damit geraten auch kulturelle Faktoren der Internationalisierung in den Blick der Hochschulen. Und es stellt sich die Frage, welche Rolle in diesem Zusammenhang dem Thema Religion zukommt.

Kulturelle Dimension der Integration rückt in den Blick

Im Jahr 2009 hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) einen nationalen “Code of Conduct” für das Ausländerstudium an deutschen Hochschulen verabschiedet. Der Nationale Kodex spricht neben der fachlichen und sprachlichen explizit auch die soziale Betreuung der ausländischen Studierenden an den Hochschulen an. Die Hochschulen verpflichten sich darauf, “Programme und Kontakte zur Integration der internationalen Studierenden in die Hochschule, die Lebens- und Arbeitswelt, sowie das kulturelle und gesellschaftliche Umfeld vor Ort” anzubieten (Kapitel III, Punkt 3 des Kodex). Bei der Einlösung dieses Anspruches stehen die meisten Hochschulen allerdings noch vor einem weiten Weg. Mit der Frage, wie kulturelle Diversitäten in die soziale Integration ausländischer Studierender einbezogen werden können, betreten sie gewissermaßen Neuland.

Die Münchener Hochschulgemeinden haben deshalb am 12./13. Januar 2012 gemeinsam mit Einrichtungen der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) eine bundesweite Fachtagung durchgeführt, um diese Frage auszuleuchten. An der Tagung, die durch das Forum Hochschule und Kirche und das Erzbistums München unterstützt wurde, nahmen über 60 Vertreterinnen und Vertreter von International Offices, Studienberatungsstellen, katholischen und evangelischen Hochschulgemeinden und von muslimischen Hochschulvereinigungen teil (s. www.campus-kultur-religion.de).

Diversität als Wesensmerkmal von Hochschulen?

Der Luzerner Soziologe Rudolf Stichweh zeigte am Ende der Tagung in einem historischen Längsschnitt auf, dass die Verschmelzung von sozialen und kulturellen Diversitäten über Jahrhunderte die Institution Universität geprägt habe. Die produktive Verarbeitung von Diversität stelle aber keine Selbstverständlichkeit dar. So bestünde etwa in Deutschland oder der Schweiz aufgrund der geringen Durchlässigkeit der Bildungssysteme die Gefahr, dass sich eine bürgerliche Bildungsschicht an den Hochschulen selbst reproduziere. Die starke Internationalisierung der Hochschulen biete eine historisch einmalige Chance der weltweiten kulturellen Annäherung unter Akademikern. Eine besonders günstige Voraussetzung für solche Annäherungsprozesse böte die Atmosphäre von Campusuniversitäten nach dem amerikanischen Vorbild.

Religion als Teil kultureller Diversität an den Hochschulen Dass Religion ein nicht zu vernachlässigender Teil der kulturellen Diversität an den Hochschulen darstelle, darauf wies Lukas Rölli, Geschäftsführer des Forum Hochschule und Kirche e.V. (FHoK), hin. Unter Lehrenden und Forschenden habe sich Religion zwar weitestgehend zu einer reinen Privatsache entwickelt. Der Anteil Studierender, denen religiöser Glaube wichtig bis sehr wichtig sei, liege nach Angaben des Konstanzer Studierendensurveys mit 17 Prozent aber noch immer erstaunlich hoch. Betrachte man die ausländischen Studierenden und Studierende mit Migrationshintergrund, so lasse sich vielfach feststellen, dass kulturelle Differenzerfahrungen unter Studierenden das Bewusstsein für religiös geprägte Werthaltungen verstärke. Deshalb liege ein produktiver Umgang mit Religion durchaus im Eigeninteresse von Hochschulen. Die Anerkennung transzendenter Bedürfnisse bei Studierenden und Hochschulangehörigen zeige sich zunächst in der Anerkennung religiöser Einrichtungen und Gruppierungen durch die Hochschulen. Sie könne sogar dazu führen, dass Hochschulen von sich aus Räume der Stille einrichteten, die von Angehörigen verschiedener Religionen zum Beten oder zum Suchen nach Besinnung genutzt werden könnten. Gegenwärtig sähen sich zahlreiche Hochschulen vor allem angesichts von Anfragen muslimischer Studierender vor die Frage gestellt, wie sie sich solchen religiösen Bedürfnissen gegenüber verhalten sollten.

Schritte in Richtung einer kultursensiblen Integration

Zu Beginn der Fachtagung kontrastierte das entschiedene Bekenntnis des bayerischen Wissenschaftsministers Wolfgang Heubisch zum weiteren Ausbau der Internationalisierung der Hochschulen mit den empirischen Befunden von Juliana Roth und Claudia Harss, die am Institut für Interkulturelle Kommunikation an der LMU feststellten, dass trotz zahlreicher Anlaufstellen für ausländische Studierende bei der kultursensiblen zwischenmenschlichen Betreuung noch große Defizite bestünden. In zahlreichen Präsentationen von Praxisbeispielen wurden dann aber vielfältige Möglichkeiten der Einbeziehung kultureller Dimensionen in die Integrationsbemühungen von Hochschulen vorgestellt: das Service- und Begleitprogramm “Come to Munich – be at home” des Studentenwerks München; das von zahlreichen freiwilligen Studierenden organisierte Kulturprogramm des Projektes PIASTA an der Universität Hamburg; eine interkulturelle Dialogreihe der Katholischen Hochschulgemeinde Köln; das Studienbegleitprogramm (STUBE) von evangelischen und katholischen Trägern, das in mehreren Bundesländern Seminare zum Erfahrungsaustausch von Studierenden aus Entwicklungsländern anbietet; die bewusste Gestaltung religiöser und kultureller Feste durch die private Jacobs University in Bremen; das Collegium Oecumenicum in München als gestaltete Lebensgemeinschaft von Christen unterschiedlicher Konfessionen; die christlich-muslimischen Begegnungsprojekte an der PH Ludwigsburg; das multireligiöse “Haus der Stille” auf dem Campus Westend der Universität Frankfurt. M. Martin Rötting, Referent für Internationales an der KHG LMU, stellte eine Typologie von Grundhaltungen in der interreligiösen Begegnung von Studierenden vor. Und Bacem Dziri, Vorsitzender des Rates muslimischer Studierender und Akademiker beschrieb die Herausforderungen, die Diversität und Pluralismus für muslimische Studierende mit sich brächten.

Kulturelle Integration als Leitungsaufgabe wahrnehmen und Akteure vernetzen

In der abschließenden Paneldiskussion wurden Faktoren benannt, die für einen substantiellen Fortschritt in der Integration hilfreich sind: Alle an Integration interessierten Kräfte an den Hochschulen müssten strategisch gezielt Kontakte zu den Präsidien entwickeln. Denn für eine erfolgreiche Einbeziehung kultureller Dimensionen in die Integrationsbemühungen sei die aktive Unterstützung der Hochschulleitungen eine entscheidende Voraussetzung. Die Bildung von Netzwerken und die aktive Beteiligung internationaler Studierender an der Planung und Durchführung von Maßnahmen sei ein entscheidender Faktor. Hier spielten auch die Kirchen und Muslimische Hochschulvereinigungen eine wichtige Rolle. Auch die bestehenden studentischen Mitbestimmungsstrukturen müssten von internationalen Studierenden konsequent für ihre Interessenvertretung genutzt werden. Der Fachtagung gelang es in überzeugender Weise, den produktiven Umgang mit Diversität an den Hochschulen als eine ganzheitliche Aufgabe unter Einbeziehung von kognitiven, formalpädagogischen, sozialen, kulturellen und religiösen Aspekten darzustellen und vielfältige Akteure miteinander zu vernetzen. Eine weitere Bewusstseinsbildung und Vernetzung in diese Richtung ist im Raum der Hochschulen absolut wünschenswert.

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Veröffentlicht in FHoK

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