Hochschulseelsorger erkunden das Verhältnis von Kunst und Religionen

„Die Kirche braucht die Kunst, aber braucht Kunst auch die Kirche?“ mit diesem Zitat Johannes Pauls II. eröffnete Jürgen Hünten, Vorsitzender der Katholischen Hochschulpastoral (KHP) und Hochschulpfarrer in Düsseldorf, die KHP-Herbsttagung.

Rund 100 Hochschulseelsorgerinnen und –seelsorger sowie die Hochschulreferentinnen und -referenten aus den Bistümern trafen sich vom 9. bis 11. September unter dem Titel „Noli me tangere – Ortserkundungen zu Kunst und Religionen“ in Berlin und Erkner, um das Verhältnis von Religion und Kunst zu beleuchten.

“Die Kirche braucht die Kunst unbedingt!” Zu dieser Erkenntnis gelangte Jakob Johannes Koch, Kulturreferent der Deutschen Bischofskonferenz, anhand von zehn Thesen. Z. B. sei jegliche Art von Kunst theologisch relevant, auf der anderen Seite artikuliere sich Theologie immer in kulturellen Kontexten. Im Gespräch mit Alois Kölbl, Hochschulpfarrer in Graz, und dem Leipziger Maler Michael Triegel verwies Koch außerdem darauf, dass bereits im II. Vatikanum der zeitgenössischen Kunst und der Kunst aller Völker besondere Bedeutung beigemessen worden sei. Die Kirche sei deshalb auch offen für moderne Kunst und die Kunst anderer Kulturen.

Michael Triegel, bekannt für seine figurativen Gemälde, beantwortete die Frage, ob Künstler die Kirche brauchen, mit einem eindeutigem Ja: Er brauche die Kirche, um arbeiten zu können, aber er könne da natürlich nur für sich selbst sprechen.

Jakob Johannes Koch, Alois Kölbl und Michael Triegel (v.l.) im Gespräch

Jakob Johannes Koch, Alois Kölbl und Michael Triegel (v.l.) im Gespräch

Dass es auch Künstler gibt, die die Kirche nicht benötigen, erfuhren die Teilnehmenden am nächsten Tag. In insgesamt elf Exkursionen an verschiedene Orte der Berliner Kunst- und Kulturszene galt es herauszufinden, in welcher Beziehung Kunst und Religion zueinander stehen können.

Die Kleingruppe, die sich auf eine Schreibwerkstatt mit dem Schriftsteller Markus Orths eingelassen hatte, wurde nicht nur in die Technik der ecriture automatique eingeführt, sondern erfuhr auch, dass Orths zu den Künstlern gehört, die die Kirche nicht benötigen, um kreativ zu sein. Ähnlich erging es denjenigen, die den Regisseur Dietrich Brüggemann trafen, um mit ihm gemeinsam seinen Film „Kreuzweg“ anzuschauen: Auch er verneinte, dass die Kunst die Kirche brauche.

Eine weitere Gruppe ließ sich von einem Kulturwissenschaftler durch das Museum für Islamische Kunst führen – und erfuhr dabei, dass in der frühislamischen Zeit im Vorderen Orient die Kultur von Muslimen, Juden und Christen nahezu identisch war. Welcher Religion die Auftraggeber eines Kunstwerks oder die Künstler angehörten lässt sich jedenfalls nicht durch die Betrachtung des Kunstwerks erschließen.

Im Museum für Fotografie erlebten weitere Teilnehmende eine Ausstellung mit Bildern Helmut Newtons, wieder andere trafen Kunststudierende der Universität der Künste und sprachen mit ihnen über ihre Werke. Eine weitere Gruppe durfte hinter die Kulissen des Deutschen Theaters blicken und eine andere beschäftigte sich mit der Gedenkkultur der Kirchen und besuchte die katholische und die evangelische Gedenkkirche zur Erinnerung an die in Plötzensee hingerichteten Gegner des Nationalsozialismus.

Eine Gruppe auf dem Gelände der Gedenkkirche Regina Maria Martyrum

Eine Gruppe auf dem Gelände der Gedenkkirche Regina Maria Martyrum

Zum Schluss des Tages galt es, beim Gastgeber, der KSG Berlin, Resumee zu ziehen. “Hat das Gesehene irritiert, inspiriert oder gar provoziert?”, lautete die Leitfrage dazu. Inspiriert hat auf jeden Fall die Schreibwerkstatt, sowie das Museum für Islamische Kunst dadurch, dass es zeigen konnte, wie Kunst über Religionsgrenzen hinaus verbinden kann. Irritiert haben die Gedenkkirchen, denn die Teilnehmenden fragten sich, ob man einen normalen, einen fröhlichen Gottesdienst an einem Ort feiern kann, an dem an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird. Provozierend war Helmut Newton – sei es durch die Nacktheit von Frauen auf seinen Bildern, oder dadurch, dass solche Darstellungen heute überhaupt nicht mehr provokativ sind – darüber wurden sich die Ausstellungsbesucher nicht einig.

Eine große Inspiration war die gesamte Tagung für die Hochschulseelsorger. Mehrere äußerten unabhängig voneinander die Idee, in Zukunft den Kontakt zu den Kunststudierenden in ihrer Stadt zu suchen und diese einzuladen, ihre Werke in den Räumlichkeiten der Hochschulgemeinde auszustellen. Nur ob Künstler die Kirche nun brauchen, diese Frage konnte nicht abschließend geklärt werden.

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Veröffentlicht in Allgemein

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