KHP-Herbsttagung 2013

Hochschulseelsorger loten Bedeutung von Religion in der säkularen Hochschulwelt aus

KHP-Herbsttagung 2013

Unter der Fragestellung „Wo Gott nichts zu suchen hat?“ befassten sich auf der diesjährigen Herbsttagung der Konferenz für Katholische Hochschulpastoral (KHP) vom 10. bis 12. September rund 100 Hochschulseelsorger und -seelsorgerinnen sowie Verantwortliche aus Bistumsleitungen mit der Bedeutung, die Religion als eine Option in der säkularen Hochschulwelt hat, und mit den Handlungsmöglichkeiten, die sich für Kirche an der Hochschule in dieser Situation ergeben. Zum Auftakt der Tagung präsentierte Prof. Dr. Thomas Großbölting (Münster) eine thesenartige Analyse der Erosion der Volkskirchen und der Folgen, die die Individualisierung seit den 1960er Jahren für das pastorale Handeln der Kirche habe. Im Gespräch mit dem Münchener Erzbischof Reinhard Kardinal Marx wurde diese Analyse vertieft. Dabei kamen auch die Probleme zur Sprache, die sich für die Kirche aus den Vorfällen der jüngsten Zeit (Mißbrauchsskandal, kirchliches Arbeitsrecht) ergeben. Ob die für Deutschland spezifische „hinkende Trennung“ von Kirche und Staat für die weitere Entwicklung der Kirche förderlich oder eher hinderlich sei, blieb kontrovers. Einigkeit bestand zwischen den beiden Gesprächspartnern, dass es keinen Weg zurück zur Volkskirche gebe. In der Frage, wie der christliche Glaube den heutigen Menschen nahegebracht werden könne, sei viel Phantasie und Mut zum Experiment erforderlich. Kardinal Marx betonte die Bedeutung von Sozialisationsinstanzen wie der Familie, der Schule und auch der Hochschulen für die Kirche. Hier müsse Kirche präsent sein, um das Wissen um den Glauben auch in der jungen Generation wach zu halten.

Am zweiten Tag setzten sich die Teilnehmenden in vier Workshops mit unterschiedlichen Aspekten des Themas auseinander: Im Gespräch mit Axel Seegers, dem Leiter des Fachbereichs Sekten- und Weltanschauungsfragen im Erzbistum München-Freising, wurden aktuelle Entwicklungen auf dem „religiösen Markt“ unter Studierenden und Akademikern analysiert. In einem staatskirchenrechtlichen Workshop mit Stephan Lorentz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Völkerrecht und öffentliches Recht der LMU München, wurden die Rahmenbedingungen für das kirchliche Handeln an Hochschulen im Grundgesetz und in der Europäischen Menschenrechtskonvention erörtert. Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Rollenzuschreibungen von Hochschulseelsorgern und -seelsorgerinnen als „Vertretern der Kirche“ ermöglichte der erfahrungsbezogene Workshop von Ewald Epping, Theologe, Supervisor und Organisationsberater in München. Und ein vierter Workshop unter Mitwirkung von Dr. Andreas Renz, Leiter des Fachbereichs Dialog der Religionen im Erzbistum München-Freising, und zwei Gesprächspartnern aus dem Vorstand des Rates muslimischer Studierender und Akademiker (RAMSA) befasste sich mit Möglichkeiten der Begegnung von christlichen und muslimischen Studierenden an Hochschulen.

Marx-Großbölting-2013

Prof. Dr. Thomas Großbölting (l.) im Gespräch mit Kardinal Marx (r.), moderiert durch Dr. Lukas Rölli (Mitte)

Im letzten Teil der Herbsttagung ging es darum, Konsequenzen aus den bisherigen Analysen für das pastorale Handeln in Hochschulgemeinden zu entwickeln. Einen engagierten Impuls zu dieser Aufgabe lieferte Prof. Dr. Ulrich Kropac (Uni Eichstätt) mit seinem Referat über die Religiosität junger Menschen. Er wies darauf hin, dass trotz einer prekären Abnahme der Kirchlichkeit bei Jugendlichen nach wie vor etwa 50 % der Jugendlichen als im weiteren Sinn religiös bezeichnet werden könne. Jugendliche Religiosität sei stark synkretistisch und werde meist für die eigene biographische Entwicklung funktionalisiert, etwa um sich abzugrenzen oder Sicherheit zu gewinnen. Die bleibenden selbsttranszendenten Fragen bei jungen Erwachsenen und deren Deutung würden auch in Zukunft religiöse Felder öffnen. Allerdings werde die Differenz zwischen institutioneller Religion und jugendlicher Religiosität bleiben. In den Medien seien religiöse Topoi nach wie vor stark präsent.  Die Wahrnehmung von Religion geschehe bei Jugendlichen allerdings nicht mehr nach rationalen Kriterien, sondern primär nach visuellen und ästhetischen Maßstäben („iconic turn“). Die ästhetische Wende und die biographische Zentrierung bezeichnete Kropac als zentrale Herausforderungen für die Hochschulpastoral (vgl. das Thesenpapier von Professor Kropac). Er forderte die Hochschulseelsorger und -seelsorgerinnen auf, ihr eigenes Erscheinen als Personen und als Einrichtungen vor dem Hintergrund der Ästhetik junger Erwachsener kritisch zu überprüfen und religiöse Angebote stärker an den biographischen Bedürfnissen von Studierenden auszurichten. In Arbeitsgruppen wurden die Thesen von Professor Kropac weiter diskutiert. Im abschließenden Plenumsgespräch zeigte sich, dass die Ästhetisierung einer der Brennpunkte der Diskussionen war. Neben positiven Erfahrungen etwa mit der architektonischen Neugestaltung von Räumlichkeiten war auch eine gewisse Skepsis spürbar gegenüber einer zu starken Ausrichtung auf Formen und einer Vernachlässigung von Inhalten des christlichen Glaubens.

Lukas Rölli

 Fotos: FHoK

 

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